Sind Katzen nun Einzelgänger oder brauchen sie andere Artgenossen?



Ich beginne diesen Beitrag hier ganz bewusst mal so, wie viele Katzenhalter argumentieren. Ich habe seit 36 Jahren Katzen. In diesen 36 Jahren waren und sind es Max, Paul und Toby, Gina, Flimpi, Halima, Otto, Meeko, Gimli, Amina und Freddy, die ihr Leben mit uns geteilt haben und teilen. Also elf Katzen. 

  • Max aus dem Tierheim: Kannte andere Katzen, wollte sie aber nicht. War Einzelkater ein Leben lang.
  • Paul und Toby aus dem Tierschutz, Pflegestelle: Kannten viele andere Katzen, mochten sie aber nicht. Liebten nur den jeweils anderen und duldeten keine andere Samtpfote
  • Gina aus dem Tierheim: Gemeinsam mit einer anderen Katze abgegeben. Hatte Angst vor Paul und Toby. Versuchte, Flimpi zu vertreiben
  • Flimpi aus dem Tierheim: Freute sich anfangs über Gesellschaft, wurde aber von den drei anderen Katzen gemobbt. 
  • Otto aus dem Tierschutz: Kann nicht ohne andere Katzen sein. Rupft sich vor Einsamkeit, wenn er alleine ist. Begrüßt jede andere Katze mit Freude
  • Halima von der Straße: Selbstsicher, in sich ruhend. Tolerierte Otto und Flimpi, strebte aber aktiv keine Beziehung an.
  • Gimli von der Straße: Freundlich und friedlich, immer zu Spielen bereit, duldet aber keine zu engen Körperkontakte
    Meeko von der Straße: Der Beobachter, freundlich, aber nicht aktiv auf andere Katzen zugehend. Hat eine enge Beziehung zu Otto, pflegt nur mit ihm engen Körperkontakt, die anderen werden toleriert 
  • Amina von der Straße: Lebte mit vielen anderen Katzen in einer Pflegestelle, kann gut ohne Artgenossen sein, liebt Menschen, toleriert die anderen, mag aber keinen Körperkontakt mit ihnen     
  • Freddy von der Straße: Gemütskater, freundlich zu allen anderen, interessiert an Freundschaft    
Von diesen elf Katzen ist und war also nur Otto derjenige, der andere Artgenossen haben muss(te). Die anderen zehn waren/sind entweder im Grunde tolerant wie Meeko, mittelmäßig interessiert wie Gimli oder wären an Freundschaft interessiert, stießen oder stoßen aber nicht auf Gegenliebe wie Flimpi und Freddy. 


Katzen nicht alleine halten? Wirklich? 

Diese ausführliche Auflistung habe ich aus mehreren Gründen gemacht:
  • Sie ist nicht repräsentativ, trotz 36 Jahren Katzenhaltung
  • Sie zeigt die große Vielfalt und Bandbreite von Katzensozialverhalten
  • Sie führt die Forderung: "Katzen immer zu zweit halten" aus meiner Sicht ad absurdum
Ich habe hier, wie gesagt, bewusst so argumentiert, wie die meisten Katzenbesitzer. Wir alle schildern unsere persönlichen Erfahrungen und leiten daraus ganz selbstverständlich Handlungsempfehlungen ab. Wir verallgemeinern unsere individuelle Geschichte. Das ist zwar verständlich, aber falsch.

Es tut gut, sich mit der Ethologie, der Verhaltenslehre, auseinanderzusetzen, um die eigene Meinung infrage zu stellen, die eigenen Erfahrungen zu relativieren.

Was sagt die Ethologie zum Thema "Einzelgänger"?  

Die Natur kennt ohnehin kaum echte Einzelgänger. Wenn, dann hat das solitäre Leben mit der Lebensweise und dem Habitat der Tiere zu tun. Wenn es keinen Sinn macht, und keinen Vorteil beim Überleben bietet, dann können Tiere einzelgängerisch leben. Das heißt, sie treffen sich nur zur Fortpflanzung. Manche Bären gehören dazu, aber auch Schildkröten leben als Singles.  

Dann gibt es aber auch andere Formen des Zusammenlebens wie:
  • Echte Kleinfamilien, in denen alle verwandt sind 
  • Clans mit einem Oberhaupt, die gemeinsam überleben
  • Rudel, meist verwandte Tiere, die gemeinsam Futter beschaffen
  • Herden, große Verbände, in denen nicht jedes Tier jedes andere kennt    
Wer sich wo und wie mit wem zusammentut, hat immer auch mit der Überlebensstrategie und dem Lebensraum zu tun. In einer Herde ist das einzelne Tier besser geschützt vor Feinden. Es muss aber die Nahrung mit vielen anderen teilen.  

Katzen sind keine Einzelgänger?   

Oft zu hören: "Katzen sind Einzeljäger, aber keine Einzelgänger". Nein, wie oben beschrieben, das sind sie nicht. Aber sie sind auch keine Rudeltiere oder Herdenmitglieder. "Nicht Solitärlebewesen, aber (große) Individualisten", nennt das der Deutsche Tierschutzbund. Das ist schön auf den Punkt gebracht. 

Katzen mögen sozial sein, aber sie müssen nicht gesellig sein 

Dass Katzen einzeln jagen und ihre Beute nicht teilen, sollten wir aber nicht mit einem Nebensatz abtun. Es besagt viel, sehr viel, über das Sozialverhalten. Katzen gehen alleine zur Jagd, weil sie ihre Beute nicht teilen wollen  und können - das würde keinen Sinn ergeben. Das heißt also, sie können gut alleine für ihr Überleben sorgen und brauchen keine Familie oder kein Rudel. Jedenfalls nicht für den Kampf um Beute. Da wären Artgenossen eher hinderlich. 

Wenn sie sich als entscheiden, freundlichen Kontakt zu anderen aufzunehmen, dann tun sie das aus anderen Gründen - Komfort, Wärme, Spieltrieb, Freundschaft? Was heißt das aber? 

"Hunde sind obligatorisch sozial, Katzen fakultativ", hat die Zoologin Dr.Mircea Pfleiderer das formuliert.  

Anders ausgedrückt: Es gibt Katzen, die mögen und suchen die Gesellschaft von Artgenossen. Das sind Tiere, die nach Möglichkeit nicht alleine leben sollten. Es gibt andere Samtpfoten, denen sind weitere Pelzträger piepegal. Und noch andere dulden keine Götter neben sich und bekämpfen sie.

Was macht eine Katze gesellig oder ungesellig?    

Grundsätzlich speichern Katzen die Erfahrungen aus ihrer "Prägephase" ein Leben lang. Positive Erlebnisse mit - im besten Falle - gleichaltrigen Artgenossen bilden die Basis für ein sozial kompetentes Verhalten. Jungkatzen lernen im Spiel mit den Geschwistern den Umgang mit Aggression und wo die Grenzen des Anderen sind. Das macht sie grundsätzlich zu sozial kompatiblen Katzen - ob sie aber gesellig sein und Freunde haben wollen, das entscheiden sie alleine. Mag sein, dass sie mit dem einen klarkommen, mit dem anderen nicht. Das ist ihr gutes Recht und das sollen wir akzeptieren.

Nicht akzeptabel ist die oft gehörte Aussage: "Katzen sind keine Einzelgänger und wenn, dann sind sie vom Menschen dazu gemacht". Nein, nein und nochmals nein. Der Mensch kann eine Katze nicht zu etwas machen, was sie nicht ist oder wozu sie nicht die Voraussetzung mitbringt. 

Ich schließe hier aus der anderen, der beruflichen Perspektive. Abseits meiner eigenen elf Katzen habe ich in knapp 20 Jahren Tierschutz und Tierpsychologie hunderte, wenn nicht tausende Katzen live erlebt. Darunter viele freundliche, gesellige, glückliche Gruppentiere. Und viele ängstliche, traumatisierte kreuzunglückliche "Zwangsvergellschaftete". Katzen, die offen oder versteckt leiden. Katzen die immer Kompromisse eingehen müssen. Die immer aufpassen und zurückstecken müssen. Die nie das tun können, was sie wollen, weil da andere sind, die ihnen den Weg verlegen, sie offen oder versteckt mobben, sie vom Futter wegdrängen, ihnen keinen Raum lassen. 



Katzen müssen immer zusammen leben? Gefährlicher Unsinn   

Sie müssen sich ja nicht lieben, sie müssen sich nur tolerieren. Ein schlimmer Satz, der schlimmste überhaupt. Zeigt er doch eine große Respektlosigkeit und ein großes Unverständnis des Charakters unserer Katzen. Ein Tier zwingen, ein Leben zu leben, das aus Einschränkungen besteht - das soll Tierliebe sein? Wäre es da nicht die größere Liebe, einer Katze die Möglichkeit zu geben, in Ruhe, ohne Angst und Begrenzung ihr Leben zu leben? 
Macht wirklich ein Artgenosse Glück oder Unglück aus? Gehören dazu nicht auch Futter, medizinische Betreuung, Beschäftigungsangebote, Platz, Freigang? Seltsam, dass bei dieser pauschalisierten und verkürzten Betrachtung alle diese Dinge keine Erwähnung finden. 

In meinen Augen kann es nur eine individuelle Beurteilung des Einzelfalles geben. Oder wie sagte eine Tierschutzkollegin: "Der Katzen Wille sei unser Himmelreich." 

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